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Das dicke Ende des Long Tail

By Flo | Mai 25, 2010

Vielleicht habt Ihr ja schon einmal den Begriff „Long Tail“ gehört. Er geht auf einen Artikel im Online Magazin Wired aus dem Jahre 2004 zurück. Grob zusammengefasst, geht es dabei um Folgendes: Durch die Digitalisierung medialer Inhalte (Musik, Filme, Bücher), wird es immer einfacher und billiger, diese zu produzieren und „auf Lager“ zu halten. Diese extreme Verbilligung führt, nach der Long-Tail-Theorie, dazu, dass plötzlich abseits des Mainstream Nischenprodukte bestehen können. Die Nischenprodukte haben zwar weniger Abnehmer, aber weil sie dem Online-Händler quasi keine Kosten verursachen, bleiben sie im Gegensatz zu früher im Angebot. Unsere Kultur wird dadurch vielfältiger.

So weit die Theorie. In der Praxis sieht es leider oft anders aus. Ebooks sind für den Long-Tail-Effekt zum Beispiel geradezu prädestiniert. Ein normales Buch ist recht aufwendig herzustellen und belegt eine Menge Platz, zumindest im Verhältnis zum Preis. Bei Ebooks fallen die teuren Produktions- und Lagerkosten quasi komplett weg. So lange ein Buch kein aufwendiges Layout mit zig Grafiken beinhaltet, dürfte seine Produktion als Ebook aus den ohnehin vorhandenen digitalen Daten dürfte trivial sein. Da letztes Jahr auf der Buchmesse Ebooks der letzte Schrei waren, dürfte man also erwarten, dass in der Zwischenzeit ein gigantisches Angebot aufgebaut wurde. Doch aus irgendeinem Grund ist es immer noch viel einfacher ein reales Buch zu kaufen als ein Ebook.

Das fängt schon bei englischsprachigen Titeln an. Diese werden meistens von Anbietern in den USA verkauft. Leider dürfen diese Anbieter aufgrund ihrer Lizenzen nicht nach Deutschland verkaufen. Und auch sonst scheint es oft vor allem Klärungsbedarf bei den Lizenzen zu geben. Immerhin ist ein Ebook kein gedrucktes Buch, und der Hersteller hat nicht unbedingt das Recht es als Ebook zu verlegen.

Bei der Klärung dieser Lizenzen kann es viele Verwicklungen geben. Der Autor könnte zum Beispiel in den 20 Jahren seit Erscheinen des Buchs verstorben oder verzogen sein. Für ein Nischenprodukt ist diese Art der Recherche mitsamt den darauf folgenden Verhandlungen um die Rechte vermutlich zu aufwendig. Also gibt es viele Sachen einfach gar nicht. Und damit findet der Long Tail sein jähes, dickes Ende.

Ganz schlimm scheint diese Problematik übrigens bei Dokumentarfilmen zu sein. In einem Dokumentarfilm werden oft Beiträge ganz unterschiedlicher Herlkunft verarbeitet. Da wird ein Ausschnitt aus einer Nachrichtensendung eines TV-Senders eingeblendet, ein geografischer Dienst steuert eine Landkarte bei, und die Hintergrundmusik stammt von einer CD. Mit all diesen Rechteinhabern müssen bei der Produktion des Dokumentarfilms Verträge geschlossen werden. Jeder dieser Verträge sieht üblicherweise anders aus und bringt Einschränkungen mit sich.

Wenn nun 30 Jahre nach Herstellung des Films plötzlich eine neue Nutzung gewünscht ist, wie zum Beispiel den Film auf DVD herauszubringen, steht der Publisher vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Er muss in jedem einzelnen Fall herausbekommen, ob ihm die damals geschlossenen Verträge eine Veröffentlichung auf DVD erlauben, und wenn nicht, muss er herausbekommen, wer der jetzige Inhaber der Rechte ist, und mit diesem Verhandlungen führen. Das ist vermutlich kein Spass.

Ein Jura-Prof von der Harvard Uni hat einen ausführlichen Artikel verfasst, in dem er auf die absurden Blüten eingeht, zu denen diese rechtlichen Verstrickungen führen. Am härtesten ist, dass zum Teil Filme, die auf Zelluloid in irgendwelchen Archiven lagern, nicht auf ein anderes Medium kopiert werden können, weil es rechtlich schlicht nicht machbar ist. Die Filme sind also dem Verfall preisgegeben. Und damit stirbt ein Teil unseres kulturellen Gedächtnisses.

Aber der Mann wäre kein Rechts-Professor, wenn er nicht Ideen zur Lösung hätte. Er schlägt eine Modernisierung des Copyrights vor, die die Interessen der Allgemeinheit besser berücksichtigen soll. So schlägt er zum Beispiel vor, dass Register eingerichtet werden, in die sich Rechteinhaber nach einer gewissen Zeit eintragen müssen, wenn sie weiterhin Ansprüche an ihren Werken geltend machen wollen. Dadurch soll die schwierige Suche nach den Inhabern erleichtert werden. Zudem soll es Einschränkungen bei der Vertragsgestaltung geben, damit zum Beispiel wenigstens Kopien zu Archivierungszwecken erlaubt sind.

Es wäre also mal an der Zeit, das Thema Urheberechte abseits des üblichen Geschreis der Lobbyisten um Raubkopien und Co zu behandeln. Mal schauen, ob es jemand tut.

Topics: Gesellschaft, Kultur

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