Mehr von der Öl-Front
Von Flo | 2. April 2010
Mein letzter Artikel ist jetzt über zwei Wochen alt. Es ist also Zeit, das Blog mal wieder zu beleben. Ich war in der Zwischenzeit nämlich keineswegs untätig. Ich habe mich noch ein wenig mit der Erdöl-Thematik beschäftigt. Zum einen war da das Buch von James Howard Kunstler, “The Long Emergency”. Es wurde 2005 geschrieben, und beschäftigt sich mit der Abhängigkeit Amerikas vom Erdöl in allen ihren Facetten. Da es hauptsächlich um Amerika geht, ist natürlich nicht alles 1:1 auf Europa übertragbar, aber nichtsdestotrotz befinden wir uns in einer ähnlichen Situation.
Herr Kunstler behandelt in seinem Buch alles, von der Geschichte dieser Abhängigkeit bis zu ihren Folgen. Und die Folgen sind leider nicht wirklich schön. Neben dem Klimawandel dürfte uns nämlich “Peak Oil” bevorstehen, wenn wir es nicht schon überschritten haben. Peak Oil bezeichnet den Zeitpunkt, an dem die weltweite Ölfördermenge ihren Höhepunkt erreicht hat. Das leicht zu fördernde Öl ist dann verbrannt, und die Menschheit muss sich mit den schwieriger zu fördernden Resten begnügen.
Dadurch dass die Reste schwieriger zu fördern ist, wird Öl zum einen teurer, zum anderen geht die Fördermenge zurück. Dies läßt sich in fast allen Förderländern beobachten. Mexiko war schon ein Thema dieses Blogs. Die Briten mit ihrem Nordseeöl sind sogar unter die Ölimporteure gegangen, da die eigene Förderung nicht mehr ausreicht. Nur einige Staaten (vorwiegend die Saudis und Co) können bis jetzt noch ihre Förderkapazität halten oder sogar leicht ausweiten. Aber in nicht allzu ferner Zukunft werden auch diese Staaten den Rückgang der Förderkapazitäten im Rest der Welt nicht mehr abfedern können. Dann sinkt die weltweite Fördermenge. Und mit ihr schrumpft die Weltwirtschaft. Und, wie wir alle inzwischen gelernt haben, führt fehlendes Wachstum, ganz zu schweigen von einer dauerhaften Schrumpfung, in unserer Form des Kapitalismus zu einer ernsthaften Krise.
Herr Kunstler liefert einen Hinweis, warum es zudem schwierig sein dürfte, den Ausfall an Energie durch technischen oder gesellschaftlichen Fortschritt komplett zu kompensieren. Hier kommt nämlich die Physik ins Spiel. Laut den Gesetzen der Thermodynamik nimmt nämlich in jedem System die Entropie, welche ein Maß für “Unordnung” ist, ständig zu, sofern nicht genügend neue, nutzbare Energie, von außen zugeführt wird. Und, abgesehen von Kernenergie, ist die Sonne die einzige Energiequelle der Erde. Die Sonnenenergie manifestiert sich in verschiedensten Formen: Wind wird durch Temperaturunterschiede ausgelöst, Pflanzen wachsen durch Photosynthese, Wasserkraft wird erst durch Regen ermöglicht, welcher wiederum Verdunstung durch die Sonne benötigt.
Auch die fossilen Energien sind als Überreste urzeitlicher Lebewesen nichts weiter als in Millionen von Jahren konzentriertes Sonnenlicht. Diese gespeicherte Energie haben wir dazu genutzt, unser aktuelles, globalisiertes, komplexes, und damit hochgeordnetes System aufzubauen. Aber könnten wir dieses System nur mit der aktuell einstrahlenden Sonnenenergie erhalten? Herr Kunstler ist pessimistisch, und glaubt an ein Ende der Globalisierung. Vielmehr würden wir zu einem einfacheren, lokaleren Lebensstil zurückkehren müssen. Das muss nicht für jeden nur Nachteile haben. Aber die Umstellung wird sicher nicht einfach. Energieintensive Technik hat es zum Beispiel durch industrialisierte Landwirtschaft erst ermöglicht, dass momentan knapp 7 Mrd Menschen ernährt werden können. Dieses Rad ist kaum ohne eine humanitäre Katastrophe zurückzudrehen.
Wenn Ihr euch für diese Thematik interessiert, und Ihr euch das Geld für das Buch sparen wollt, kann ich euch dieses Paper empfehlen. Hier werden von einer Organisation, die sich feasta nennt, im Prinzip die gleichen Argumente ausgeführt, jedoch in kompakterer Form (es hat nur 55 Seiten).
Achja, noch ein Wort zu den brandaktuellen Entwicklungen: Le Monde schreibt, dass die US-Regierung einen Rückgang der Welt-Ölförderung ab 2011 als möglich ansieht. Natürlich weisen sie weit von sich, dass diese Vorhersage etwas mit “Peak Oil” zu tun hat. Angesichts der mit Peak Oil assoziierten Konsequenzen ist das nicht überraschend, denn eine andere Sprachregelung würde sicherlich zu einem neuen Finanzcrash führen.
Eine endliche Geschichte
Von Flo | 16. März 2010
Auf youtube liegt die sehr spannende Dokumentation “Requiem für einen Rohstoff – Am Anfang war das Öl” über die Geschichte des Erdöls, die wohl kürzlich auf Phoenix lief. Von der Entstehung in der Urzeit über die einzigartige Bedeutung in der modernen Industriegesellschaft bis zur Kohlendioxidproblematik wird alles Wissenswerte sehr anschaulich erklärt. Mir war zum Beispiel neu, dass erst eine globale Klimakatastrophe in der Urzeit die Entstehung des Erdöls verursacht hat. Mein Tipp lautet, unbedingt anschauen.
Sozialismus in Deutschland?
Von Flo | 15. März 2010
Manchmal kann man nur den Kopf schütteln. Spiegel Online schreibt heute über eine Meinungsumfrage:
Sozialismus statt Demokratie: Eine große Mehrheit der Deutschen kann sich laut einer Umfrage vorstellen, in einem sozialistischen Staat zu leben.
Hier werden mal wieder Erdäpfel mit Glühbirnen verglichen, vulgo Sozialismus und Demokratie. Das Wort Sozialismus ist nämlich dermassen schwammig, dass jeder darunter das versteht, was ihm gerade in den Kram passt. Laut Wikipedia hat jemand mal 260 Definitionen zusammengetragen. Viele Amerikaner halten etwa die Europäer für sozialistisch, weil es bei uns so fremdartige Dinge wie eine gesetzliche Krankenversicherung gibt. Gleichzeitig setzen sie aber in einem Akt erstklassiger Schizophrenie Sozialismus mit dem sowjetischen Unterdrückungsstaat gleich. Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber ich sehe in einer funktionierenden, allgemeinen Gesundheitsvorsorge keinen wirklichen Widerspruch zur Demokratie.
Daher ergibt es überhaupt keinen Sinn, was der Spiegel so reisserisch in die Umfrage interpretiert. Er schliesst nämlich aus der Tatsache, dass 80% der Deutschen sich vorstellen könnten, in einem nicht näher spezifizierten “Sozialismus” zu leben, dass sie keine Demokratie oder gar zurück in die DDR möchten.
Vielleicht, aber nur vielleicht, würden sie gerne lediglich die übergroße Macht des Geldes, wie sie sich in Bankerexzessen und den deutlichen Einmischungen von Lobbyisten auf politische Entscheidungen manifestiert, ein wenig eindämmen. Insofern kann man die Umfrage durchaus positiv werten, denn ein solcher “Sozialismus” wäre zweifellos ein Gewinn für die Demokratie.
Striiiiikke!
Von Flo | 2. März 2010
Die Streitsache Flo gegen die Bundesrepublik Deutschland endet 1:0. Oder so ähnlich. Die Massenklage gegen die Vorratsspeicherung, von der ich ein (kleiner) Teil war, hatte Erfolg. Die gespeicherten Daten müssen nun unverzüglich gelöscht werden. Dies ist ein großer Sieg gegen die paranoide Totalüberwachungsfraktion unserer Politikerriege.
Natürlich gibt es einen Pferdefuß: es ist nicht per se illegal, die Bürger zu überwachen. Es dürfen auch zukünftig Gesetze gemacht werden, die den Einsatz der Vorratsdatenspeicherung in eng begrenzten Fällen erlauben. Was nicht geht, ist ein Pauschalgesetz, das dem Staat jedwede Verwendung offen läßt, wie es das soeben vom Verfassungsgericht gekippte Gesetz tat. Und in begrenzten Fällen mag so ein Mittel ja tatsächlich seine Berechtigung haben. Zumindest kann man darüber diskutieren. Und genau das wird passieren. Wir können also gespannt sein, welche Fälle genau unsere Politiker als so kritisch einschätzen, dass sie einen solchen Grundrechtseingriff in Kauf nehmen. Wenn sie dabei übertreiben gibt es halt ein Rückspiel…
Nachrichten aus Euroland
Von Flo | 23. Februar 2010
Im Augenblick geht es ja recht turbulent zu in der Eurozone. Um sich ein wenig Hintergrund zu den Problemen in Griechenland anzulesen, eignet sich dieser Artikel auf Telepolis. Aber es gibt noch weitere Fehlentwicklungen. Wolfgang Münchau von der Financial Times spricht die ungleiche Lohnentwicklung in Europa an. Er schreibt:
Wenn wir in Deutschland weiterhin eine deflationäre Lohnpolitik betreiben, dann ist die Währungsunion nur dann zu retten, wenn andere Mitgliedsländer eine noch deflationärere Entwicklung akzeptieren, als es ohnehin notwendig wäre, und das über Jahrzehnte.
Es dreht sich um folgendes: weil in Deutschland die Löhne seit Jahren stagnieren, bzw. sinken (wenn man die Inflation berücksichtigt), dies in den anderen Euroländern aber nicht der Fall ist, sind die anderen Länder nicht mehr wettbewerbsfähig im Vergleich zu den Deutschen. Daher müsste das Euro-Ausland die Löhne massiv senken, und das umso stärker, je weiter die Deutschen dieses leicht masochistische Blut-Schweiß-und-Tränen-Lohnsenkungs-Spiel mit sich treiben lassen. Früher haben die anderen Europäer Ihre Währung einfach abgewertet, während die D-Mark aufgewertet hat. So wurden indirekt die Löhne angeglichen – das geht aber nicht mehr, seit sie Teil des Euroraums sind. Dass eine allgemeine Lohnsenkung in grossem Stil bei der Bevölkerung von Rest-Euroland kaum durchzusetzen ist, ist klar. Nötig wäre daher eine gemeinsame Lohnpolitik um das Gleichgewicht wieder herzustellen.
Herr Münchau glaubt aber nicht mehr an den großen Wurf zur Rettung des Euro.
ich würde darauf wetten, dass man wegschaut und die Ungleichgewichte nicht beseitigt. Und dann würden wir irgendwann einmal den Punkt der Unumkehrbarkeit erreichen, von dem ab ein Zusammenbruch des Systems nicht mehr verhindert werden kann – vielleicht in zehn Jahren, vielleicht später.
Und darum, liebe Leute, habt Ihr ein tolles neues Argument für euren Chef bei der nächsten Gehaltsrunde: Er kann seiner europäischen Bürgerpflicht Genüge tun, und den Euro retten, indem er euch einem schönen Batzen mehr in die Tüte packt! Na, wenn das mal nicht zieht…
Und los gehts…
Von Flo | 16. Februar 2010
.. zumindest mit der verbalen Vorbereitung von inflationären Maßnahmen. Das war mal echtes Timing mit meinem gestrigen Artikel. Man darf auf die Reaktionen vor allem der deutschen Öffentlichkeit gespannt sein.
Inflation oder Deflation?
Von Flo | 15. Februar 2010
Die umstrittenste Frage, die etliche Wirtschaftsblogs seit geraumer Zeit umtreibt, dreht sich um den Weg, auf dem die aktuelle Überschuldung abgebaut werden wird. Zunächst haben ja im Verlauf der Krise Staaten ihren Banken, Unternehmen und Bürgern unter die Arme gegriffen. So langsam erreichen wir aber den Punkt, an dem sich zeigt, dass sich die Staaten damit selbst in die Bredouille bringen.
Wenn eine Gesellschaft mehr Schulden hat, als sie zurückzahlen kann, gibt es im Prinzip zwei Möglichkeiten diese loszuwerden: Inflation oder Deflation. Im Falle der Inflation wird die Geldmenge vergrößert (im Zeitalter von Papiergeld, bzw elektronischem Geld ist das kein Problem), und von dem zusätzlichen Geld können die Schulden beglichen werden. Weil es aber plötzlich viel mehr Geld gibt, verliert das Geld an Wert, und Waren werden teurer. Verlierer sind Sparer und Leute mit festem Einkommen.
Im Falle der Deflation läßt man zu, dass Organisationen oder Menschen insolvent gehen. Durch die Insolvenz werden diese wieder schuldenfrei. Leider verlieren die Gläubiger das verliehene Vermögen. Durch das so verschwindende Vermögen schrumpft die Geldmenge und man nennt das Ganze Deflation.
Es gibt also immer Verlierer, denn mit den Schulden wird zwangsläufig auch Vermögen vernichtet. Aber welcher Weg des Schuldenabbaus ist nun der wahrscheinlichere? Ich denke, dazu sollte man sich zuerst überlegen, wer diesen Weg beeinflussen kann. Am ehesten natürlich die Mächtigen im Land. Und, machen wir uns nichts vor, das sind gleichzeitig zumeist die Reichen.
Versetzen wir uns also in die Situation eines wirklich reichen Menschen hinein. Nennen wir ihn Herrn R. Er hat mehr Geld als er jemals – trotz seines aufwendigen Lebensstils – ausgeben könnte. Der Nutzen des größten Teils von Herrn R’s Vermögens liegt also nicht wie bei Otto Normalverbraucher darin, dass er seinen Lebensunterhalt damit bestreiten kann. Nein, es dient zu etwas anderem, denn Geld bedeutet auch Status und Macht. Und bei beidem ist die absolute Menge der durch das Geld repräsentierten Kaufkraft irrelevant. Es zählt allein die Höhe des Vermögens relativ zum Vermögen der Anderen.
Ob Herr R. zehn Milliarden oder nur noch fünf Milliarden Euro hat, ist irrelevant, so lange das gleiche Missgeschick auch allen anderen Reichen zustößt und er dadurch nicht als Versager dasteht. Also würde Herr R. verhindern wollen, dass er mehr verliert als die anderen. Das ist schwierig in einem deflationären Umfeld, wo es unklar ist, wer als nächstes seine Schulden nicht begleichen kann. Mit etwas Glück kann Herr R. sein Vermögen halten oder gar steigern. Mit etwas Pech aber legt Herr R. sein Geld bei einem Pleitier an, und fällt dadurch aus den Top-10 der reichsten Deutschen. Quel Malheur!
Im inflationären Umfeld würde Herr R. dagegen auf jeden Fall Geld verlieren. Da dies aber allen anderen ebenso widerfährt, muss er sich keine Gedanken um seinen Platz in den Top-10 machen. Und sein Lebensstandard ist gesichert, so lange die Inflation nicht völlig aus dem Ruder läuft – Herrn R. würde also eine maßvolle Inflation besser in den Kram passen als Deflation.
Zudem ist unklar, welche Art von Vermögensvernichtung für die breite Masse der Bürger besser ist. Dies hängt zu sehr von der persönlichen Einkommens- und Vermögenssituation ab. Daher wird Otto Normalverbraucher zwar eine Meinung dazu haben, aber jeder eine andere. Nun gut, in Deutschland ist die Angst vor Inflation ziemlich ausgeprägt, aber in den europäischen Nachbarländern sieht das Bild gemischter aus.
Also haben Leute wie Herr R. eine reelle Chance die Politik in Richtung Inflation zu beeinflussen. Daher rechne ich mit Inflation, aber nur falls wirklich klar ist, dass es als Alternative Deflation geben wird und die Durchwurstel-Taktik fehlschlägt. Das dürfte erst nach einer ausreichend langen deflationären Phase der Fall sein, die dann entsprechend dem politischen Willen in Inflation münden würde.
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