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Spieglein an der Wand
By Flo | Mai 18, 2010
Es gibt interessante Neuigkeiten aus der Welt der Medien. Allmählich scheint die Öffentlichkeit aufzuwachen, was das Ausmaß der Krise und die Beweggründe hinter den sogenannten Gegenmaßnahmen betrifft.
Der Spiegel veröffentlichte zum Beispiel gestern ein lesenswertes Interview mit dem ehemaligen Bundesbankchef Karl Otto Pöhl.
Folgende Erkenntnis Pöhls ist nicht wirklich neu:
SPIEGEL: Die Bundesregierung versichert, dass sowohl das Rettungspaket für Griechenland wie auch das für die übrigen Staaten alternativlos waren.
…
Pöhl: Das glaube ich nicht. Ich glaube, es ging um etwas ganz anderes.
SPIEGEL: Nämlich?
Pöhl: Es ging darum, die deutschen, vor allem aber die französischen Banken vor Abschreibungen zu bewahren. Französischen Bankaktien sind am Tag, als das Paket verabschiedet wurde, um bis zu 24 Prozent gestiegen. Daran sieht man, worum es wirklich geht, nämlich um die Rettung der Banken und der reichen Griechen.
Neu ist vielmehr, dass sich eine renommierte Persönlichkeit im bekanntesten deutschen Nachrichtenmagazin so äussert. Noch vor wenigen Wochen konnte man derartiges nur bei, in den Augen der breiten Öffentlichkeit, obskuren Verschwörungstheoretikern im Internet nachlesen.
Herr Pöhl legt aber noch eines drauf.
SPIEGEL: Kann es sein, dass die Politik den angeblichen Angriff der Spekulanten nur erfunden hat, um eine Legitimation für den Bruch des Lissabon-Vertrags und die EZB-Satzung zu haben?
Pöhl: Natürlich, das ist möglich. Es ist sogar plausibel.
Damit trifft er meiner Ansicht nach genau ins Schwarze. Die Spekulantenthese ist eine gezielte Ablenkungsstrategie, die der Suche nach einem geeigneten Sündenbock dient. Spekulation ist ein Symptom, nicht die Ursache der Misere. Aber sogar der Ursache kommt der Spiegel in einem anderen Artikel nahe:
Die Wirtschaftswissenschaft hält bislang keine Rezepte bereit, wie denn eine Wirtschaft mit weniger oder gar keinem Wachstum funktionieren könnte; die Professoren sind dem Dogma des steten Zuwachses genauso verfallen wie Politiker und Unternehmer.
Das ist genau das, was ich für den wahren Knackpunkt halte, wie euch sicher bereits aufgefallen ist (sofern Ihr ab und zu mal in mein Blog hereinschaut).
Auf der eines Seite ist es äusserst positiv, dass die Mainstream-Presse endlich beginnt zu thematisieren, wie tief unsere Probleme wirklich gehen. Denn ohne eine informierte Öffentlichkeit wird sich nichts bessern können. Auf der anderen Seite birgt die Tatsache, dass es vermutlich keine einfache Lösungsmöglichkeit gibt, erhebliches Pessimismuspotential. Da die Stimmungslage der Nation mit der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation gekoppelt ist (und das nicht zwingend linear), könnte die Aufklärung der breiten Masse zu interessanten Turbulenzen in allen möglichen Bereichen führen.
Auch hiervon hat der Spiegel eine Vorahnung:
Jahre harter Verteilungskämpfe stehen uns bevor, und womöglich eine schwere Belastung des demokratischen Systems.
Eines solltet Ihr aber trotz aller hier geschürten Paranoia bedenken. Dass alles in Bewegung gerät, bietet mit Sicherheit auch einmalige Chancen, vieles zu verändern und zu verbessern – im Kleinen wie vielleicht auch im Großen. Wir sollten nach diesen Chancen Ausschau halten und sie ergreifen.
Topics: Gesellschaft, Wirtschaft | keine Kommentare »
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